Ett annat liv von Per Olov Enquist

Wie schreibt man über sich selbst? Wie vermeidet man sich selbst zu inszenieren oder selbst zu bemitleiden? Wie gelingt es über das eigene Leben Rechenschaft abzulegen?

Ein bewegendes Zeugnis davon gibt der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist mit „Ein anderes Leben“ ab. Selten habe ich eine Autobiographie gelesen, in der derart konsequent von Aussen auf das Ich des Autors geblickt wird, in der so konsequent in der Er-Perspektive verharrt wird. Enquist gelingt es, den Abstand zu sich selbst zu wahren, was ihm die Möglichkeit bietet, sich selbst so genau wahrzunehmen. ER reflektiert über IHN und den Erfindungsreichtum der Erinnerung, um die Versuchung, durch das Schreiben mehr über sich Selbst in Erfahrung zu bringen.

Die drei Teile des Buches erzählen über drei für Enquist bedeutsame, berichtenswerte Lebensphasen, beginnend mit der Geburt und dem Aufwachsen im nordschwedischen Ort Hjoggböle. Ohne Vater, der  starb, als Per-Ola ein halbes Jahr alt war, und unter der Obhut seiner Mutter, einer Dorfschullehrerin, die ganz im religiösen Eifer aufgeht. Mit präzisem Blick für unscheinbare Details und für die enge Welt des dörflichen Kosmos zeichnet Enquist das Bild eines Kindes, das scheu auftritt und sich so weniger Verfehlungen schuldig macht, dass es nicht weiß, was es am Samstag beichten soll.

Später wird aus ihm ein erfolgreicher Leichtathlet und Journalist (eine Tätigkeit die in der Folge zu den Büchern Katedralen i München – über das Attentat auf die Olympischen Sommerspiele 1972 – und Legionärerna – über die Auslieferung baltischer Soldaten am Ende des 2. Weltkrieges durch Schweden an die Russen – führt), und ab Mitte der 1960er Jahre Schriftsteller.

Aber irgendwann endet die „Erfolgsstory“ und das Motto des Buches „Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlecht werden?“ tritt in den Vordergrund.

„Im Dunkel“ heißt der abschließende Teil dieses literarisch wie emotional beeindruckenden Buches und zeigt einen Mann, der dem Alkohol verfällt, sich das Leben nehmen will. Ein Mensch bricht zusammen, und dieser Mensch ist nicht in der Lage, dem Zusammenbruch entgegenzuwirken. Bier und Wein werden zu seinen Dauerbegleitern, und es grenzt an ein Wunder, das es IHM dennoch gelingt, sich 1990 von seiner Sucht zu befreien und seine Wiedergeburt als Schriftsteller zu feiern. In diesem Abschnitt ist auch die emotional aufwühlenste Passage des Buches zu finden. ER flieht aus einer abgelegenen Entzugsklinik inmitten des isländischen Nirgendwo und überlebt nur knapp.

Aufgrund der außergewöhnlichen Balance gelingt der Spagat zwischen Bericht, Roman  und radikaler Beichte. Bemerkenswert ist dabei die Diskretion, mit der von Familienangehörigen erzählt wird. Auch Freunde und Mitstreiter werden nur so weit porträtiert, wie sie selbst es mit Vergnügen lesen dürften, der Dichter Lars Gustafsson zum Beispiel, über dessen eigenwillige Selbstinszenierungen in seinen Anfängen man hier Erheiterndes erfährt („er behauptet, mindestens ein, vielleicht mehrere Streichquartette komponiert zu haben“), diese zum Teil herrlich komischen Passagen verleihen dieser Tragödie erheiternde Momente und setzen dem Buch erfreulich überraschende Glanzlichter auf.

Das schwedische Original ist u.a. als Pocket (ISBN 9789113025384, Norstedts Förlag) erhältlich. Die deutsche Übersetzung „Ein anderes Leben“ gibt es u.a. als Taschenbuch (ISBN 978-3-596-18600-6, Fischer Verlag).

Update am 12. Mai 2014. Wie die Zeit vergeht, mittlerweile sind es fast fünf Jahre, seit jenem denkwürdigen Abend im Literaturhaus München, als Per Olov Enquist in deutscher Sprache aus seinem damals neuesten Buch gelesen hat. Hier ist der Clip dazu: https://www.youtube.com/watch?v=J0E1bZtoosE


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