Brobyggaren von Jan Guillou

Irgendwie kommt einem der Beginn der Geschichte bekannt vor. Aus Abenteuerromanen. Das Meer nimmt der Familie ihren Vater, Ehemann und Ernährer. Zurück bleiben die Ehefrau, die fortan ihr Leben als Witwe fristen muss und 3 Söhne, deren technische Begabung durch einen Zufall entdeckt wird und es ihnen ermöglicht sich zu Ingenieuren auszubilden und nicht das Schicksal der Armut, so wie es auch im ausgehenden 19. Jahrhundert noch üblich war, wenn der Familienvater stirbt, erfahren zu müssen.  Guillou nutzt in dieser Saga all die klassischen Elemente: Die drei armen Kinder wagen sich in die Welt, werden harten Prüfungen ausgesetzt und triumphieren dank ihrer Cleverness.

„Brückenbauer“ umfasst die Jahre 1900-1919, der Plan ist, dass es der erste Band in einer Reihe von historischen Romanen mit dem Titel „Das große Jahrhundert“ wird. Die Geschichte beginnt in einem norwegischen Fischerdorf im späten neunzehnten Jahrhundert. Nachdem die drei Brüder Lauritzen zu Waisen werden, entdeckt man das sie alle technisch außerordentlich begabt sind. Sie bekommen ein Stipendium an der Universität Dresden, im Gegenzug versprechen sie zurückzukehren und beim Bau einer Eisenbahn zwischen Oslo und Bergen, als Ingenieure mitzuarbeiten.

Aber wegen einer unglücklichen Liebe flüchtet einer der Brüder nach Deutsch-Ost-Afrika und wir verfolgen parallel den Bahnbau in Norwegen Finse und Dar-es-Salaam. Mit zwei Brüdern (Lauritz in Deutschland und Norwegen, Oscar in Afrika) im Zentrum der Geschichte, schildert Guillou die Entstehung der Arbeiterbewegung in Norwegen, den Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht, die Schrecken des Kolonialismus in Afrika, Norwegens Weg zur Unabhängigkeit von Schweden und den Ersten Weltkrieg.

Guillou gelingt es sehr gut, die Aufmerksamkeit auf zwei der prominentesten Themen des zwanzigsten Jahrhunderts  zu lenken: Kunst und Krieg. Die harte Arbeit derer die hinter dem Bau von Eisenbahnstrecken stehen wird detailliert und spannend – auch für Menschen die mit Technik wenig anfangen können –  dargestellt. Nach der Lektüre dieses Buches wird man in der Folge kaum mehr über eine Brücke gehen, ohne sich Gedanken über diejenigen, die sie entworfen und gebaut geben, zu machen.

Deutlich gelingt es dem Autor auch die Technikgläubigkeit jener Zeit herauszuarbeiten, als aus den Inhalten der utopischen Romane Jules Verne´s oftmals Realität geworden ist.  Aus heutiger Sicht erscheint die Annahme, die moderne Technik würde den Frieden sichern, als unglaublich naiv. Was auch im Laufe des Buches drastisch dargestellt wird.

Wie es sich für einen ordentlichen Abenteuerroman gehört, darf natürlich die Liebe nicht zu kurz kommen. Oscar flüchtet aufgrund einer unglücklichen LIebe aus Dresden. Später verliebt er sich nicht nur in den Kontinent Afrika, sondern auch in eine afrikanische Prinzessin. Lauritz kämpft um die Anerkennung des Vaters seiner Geliebten in Dresden. Sverre verliebt sich in einen Studienkollegen und flüchtet nach England/Schottland (Ihm ist der zweite Roman mit dem Titel „Dandy“ in Guillous Saga gewidmet).

Guillou nutzt es geschickt die Geschichte zuerst in den Zeiten des Friedens zu erzählen. Dies verdeutlicht anschließend den Schrecken des Krieges umso mehr. Interessant und ungewöhnlich ist es, dass der Autor  den Krieg aus deutscher Sicht schildert, was sich aber aus der Geschichte der handelnden Personen als schlüssig erweist.

Die „Brückenbauer“ ist spannend. Auf keiner der 596 Seiten geht der Schwung verloren. Im Gegenteil, selten war es spannender eine Geschichts- und Technikvorlesung zu bekommen.

Aktuell verfügbar ist die schwedischsprachige Originalausgabe als Pocket (ISBN 9789186969363, Pocketförlaget) bzw. die deutsche Übersetzung (ISBN 978-3-453-26825-8, im Heyne Verlag) in gebundener Fassung.


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