Malmö: Västra Hamnen & Turning Torso

Wer heute über die Öresundsbrücke nach Schweden fährt oder sich mit dem Flugzeug im Landeanflug auf den Kopenhagener Flughafen Kastrup befindet, sieht das moderne Wahrzeichen Malmös schon von Weitem. Mittlerweile kann man sich Malmö ohne den Turning Torso kaum mehr vorstellen. Västra Hamnen, das Gebiet, dass Skandinaviens höchsten Wolkenkratzer umgibt, gehört heute zu den angesagtesten Wohnvierteln Schwedens. Das war nicht immer so, der Weg dorthin war ein weiter.

Seit den 1770er Jahren wurde auf dem jetzigen Siedlungsgebiet versucht, dem Meer neues Land durch Aufschüttungen abzugewinnen. Kockums, einstmals der größte Arbeitgeber in Malmö beschloss um 1870, seine Industrieanlagen drastisch zu erweitern. Das benötigte Land für die Erweiterung seiner Werftanlagen wurde ebenfalls wieder dem Öresund abgerungen und aufgeschüttet. Seit Anfang der 1970er Jahre war auch Kockums von der sich abzeichnenden Krise im Schiffsbaugeschäft betroffen. In Teile der bisherigen Anlagen zog kurzfristig SAAB ein, bald darauf etablierte sich in den großen Hallen die lokale Messegesellschaft Malmö Mässan.

Das offensichtliche Ende als Industriestandort war dann im Jahr 2002 das Verschwinden des 138 m hohen Portalkrans, der bis dahin die Silhouette der Stadt geprägt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bauarbeiten für das neue Wahrzeichen bereits begonnen. Die Grundsteinlegung für den Turning Torso erfolgte am 14. Februar 2001. Mit den eigentlichen Bauarbeiten wurde im Mai desselben Jahres begonnen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten Teile des Västra Hamnen bereits mit Wohnbebauung versehen worden. Im Zuge eines langfristig geplanten städtebaulichen Großvorhabens wurde die Bau- und Wohnmesse, die eigentlich im Jahr 2000 im benachbarten Linhamn hätte stattfinden sollen, nach Malmö auf das freigewordene Industrieareal verlegt und auf das Jahr 2001 verschoben.

Der Name der Messe, Bo01, gilt mittlerweile als Synonym für eine der größten städtebaulichen Maßnahmen Schwedens seit vielen Jahrzehnten.

Der Zeitplan war eng. Lange war nicht klar ob alle Bauprojekte bis zur Eröffnung fertiggestellt würden. Ein großes Problem war, die Baudichte der Gebäude. Es war eine logistische Meisterleistung die zu dieser Zeit wohl größte Dichte an Baukränen in Europa auf einem so eng umgrenzten Baugelände zu koordinieren. Die Bauarbeiten dauerten buchstäblich bis zur letzten Minute vor der Eröffnung der Messe.

Bei der offiziellen Eröffnung durch das Königspaar war dann klar, dass fast alle Musterhäuser zur Besichtigung bereit standen. Bei vielen der bereits verkauften anderen Häuser und Wohnungen, befand sich oftmals nur die Außenfassade im endgültigen Zustand. Der Innenausbau fehlte teils gänzlich. Auch waren viele der Wege durch den neuen Stadtteil anfangs nur geschottert. Die Asphaltierungen und Pflasterungen erfolgten während der ersten Messewochen.

Die ersten richtigen Bewohner der neuen Siedlungen zogen noch während der Messe ein. Die Möbeltransporter durften nur an den Vormittagen in das Areal einfahren. Wer sein Mobiliar selbst anliefern wollte, durfte dies nur außerhalb der Öffnungszeiten der Veranstaltung.

Obwohl die Veranstaltung etliche Besucher anlockte, waren es schlussendlich doch zu wenige um die Kosten wieder herein zu spielen. Am Tag nach dem Ende der Messe ging der Veranstalter in Konkurs, was zu einem Dominoeffekt führte und viele der kleinen Handwerksbetriebe mit in den finanziellen Abgrund riss.

Nach dem Ende der Bo01 fokussierte man sich auf die entgültige Fertigstellung des Wohnareals und auf den Bau des Turning Torso.

Die Konstruktion des Torsos basiert auf einer Skulptur Calatravas, dem sogenannten „Twisting-Torso“, welche einen in sich gedrehten menschlichen Torso darstellt. Das Gebäude wurde aus neun Kuben mit jeweils fünf Stockwerken und einem Zwischengeschoss übereinandergesetzt. Jedes Geschoss ist um ca. 1,6° zum darunter liegenden Geschoss verdreht. Auf die ganze Höhe verdreht sich das Gebäude somit um 90°, so dass der Turm den Eindruck erweckt, er würde sich um seine eigene Achse drehen.

Die 54 Stockwerke verfügen über je 400 m² Fläche. Im inneren des Turms befinden sich fünf Lifte. Drei davon erreichen mit einer Geschwindigkeit von 5 m/s (18 km/h) den Wohnbereich. Vom Erdgeschoss bis in den obersten Stock benötigt ein Aufzug ohne Unterbrechung 38 Sekunden. Im Bürobereich gibt es zwei etwas langsamere Aufzüge (3,5 m/s bzw. 12,6 km/h). Um den Windverhältnissen im Hafenbereich gerecht zu werden, legte man die Stahlkonstruktion so aus, dass der Turm sich an seiner Spitze selbst bei einer Windkraft von 44 m/s maximal nur 30 cm bewegt. Daher ist diese Bewegung im Inneren des Gebäudes kaum zu spüren.

In den beiden untersten Kuben wurden Büros mit einer Fläche von ca. 4.000 m² angesiedelt, im untersten Kubus richtete die Eigentümergesellschaft HSB eigene Büros ein. In den oberen Kuben befinden sich insgesamt 147 Wohnungen und Appartements mit einer Größe von 45 m² bis 190 m². Die Gesamtwohnfläche beträgt etwa 13.500 m². Ursprünglich waren die Wohnungen zum Verkauf vorgesehen, mangels Interessenten werden sie jedoch auch vermietet. Die monatliche Miete beträgt zwischen 750 Euro für eine Einzimmerwohnung und 2800 Euro für eine Wohnung von 180 Quadratmeter (Stand 2015), die mit Marmor und edlem Holzfußboden ausgestattet ist.

Im November 2005 zogen die ersten Bewohner und Unternehmen ein. In den darauffolgenden Jahren lag das Hauptaugenmerk der Planer darin, eine Umgebung zu schaffen, die es den Bewohnern und Beschäftigten ermöglicht ihren Alltag im Umfeld verbringen zu können. Ab 2006 wurden etliche Grünflächen geschaffen, es wurden mehrere Badeplätze mit Liegeflächen eingerichtet. Es folgten Kindergärten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten.

Auch 14 Jahre (Stand Juni 2019) nach der Fertigstellung der einzelnen Bauetappen ist der Västra Hamnen mit dem Turning Torso weiterhin ein Ziel von Architekten und Architektur-Journalisten, die den Variationsreichtum der Gebäude, die Stadtplanung und Gestaltung des öffentlichen Raums loben.


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