Retro: Perstorp-Plattan – Schwedens meistverkaufte Platte

In den schwedischen Küchen der 1950er- und 60er Jahre war die Perstorpplattan eine Selbstverständlichkeit. Entweder als Arbeitsplatte, als Spritzschutz an der Küchenrückwand oder als Tischplatte. Das von Sigvard Bernadotte entworfene Muster „Virrvarr“ ist zwar das bekannteste aber bei weitem nicht das einzige Muster der Serie.

Als im Jahr 1948 zwei Direktoren der Skånska Ättigfabriken von ihrer USA-Reise heimkehrten, hatten sie einen unterschriebenen Vertrag für die Lizenzherstellung  der amerikanischen Erfindung Melaminharz in der Tasche. Dies kam einer Lizenz zum Gelddrucken gleich.

Laminatplatten waren an sich keine Neuigkeit mehr zu dieser Zeit. Diese wurden von der Skånska Ättigfabriken bereits seit den 1920er Jahren produziert. Ab den 1930er Jahren wurden daraus Platten für Tische in Kaffeehäusern, Restaurants und Büros gemacht. Auch in den Wagen der schwedischen Eisenbahn bestanden die Tische aus Laminat der Firma Perstorp. Die Platten zeichneten sich durch eine große Robustheit aus. Allerdings gab es sie nur in dunklen Farbtönen (Dunkelgrün, -rot, -braun oder in schwarz). Verschiedene Versuche die Platten einzufärben oder zu lackieren scheiterten. Schlussendlich nahmen die Entwickler zur Kenntnis, dass es eines anderen Materials bedurfte um aus den gewöhnlichen Laminatplatten ein Produkt mit entsprechendem Designfaktor zu machen.


1948 kam also das Melaminharz nach Perstorp. Von da an dauerte es noch knapp zwei Jahre bis man zur Serienreife gelangte. Der Clou war, dass man Papiere, mit welcher Farbe und welchem Muster auch immer, von nun an mit dem Melaminharz imprägnieren und unter hohem Druck auf die vorhandene Laminatplatte pressen konnte. Die Ergebnisse waren mehr als zufriedenstellend, sodass man sich den Markennamen Perstorp-plattan schützen ließ und in die Serienproduktion einstieg.

Das erste Muster erinnerte an ein Leinentuch und wurde in den Farben beige und in zwei verschiedenen Grautönen hergestellt. Helle, einfarbige Varianten und Holzimitationen folgten bald darauf.

HSB (eine Wohnbaugenossenschaft die auch heute noch in Schweden aktiv ist) bestellte 120.000 m² Perstorp-plattar die als Arbeitsplatten, Fensterbänke und in den Badezimmern der neu zu bauenden Wohnungen der Genossenschaft verwendet werden sollten.


Bald darauf begann die Zusammenarbeit mit dem Designer Sigvard Bernadotte. Der zweitgeborene Sohn des damaligen Königs Gustaf VI. Adolf verlor seinen Adelstitel und seine Erbfolge aufgrund einer – den damaligen Regeln nach – nicht standesgemäßen Heirat mit einer nicht adeligen Frau. Sigvard Bernadotte war ein Onkel des derzeitigen Königs Carl XVI Gustaf. Bernadotte schuf ein Muster mit dem Namen „Virrvarr“, das bei den Kundinnen einen durchschlagenden Erfolg hatte und bis heute einen bedeutenden Platz in der schwedischen Designgeschichte einnimmt.

In den folgenden Jahren schickte die Perstorp AB einen umgebauten Bus auf Reise durch Schweden um interessierten Hausfrauen und Architekten vor Ort zeigen zu können, wie vorteilhaft und schön die von ihnen produzierte Laminatplatte sein kann. Das Einsatzgebiet der Platte vergrößerte sich permanent und im Laufe der Zeit wurde sie in Reisebussen, den Waggons der Stockholmer U-Bahn und in Kreuzfahrtschiffen verbaut.

Bis heute kommt „Virrvarr“ zum Einsatz. Zwar nicht mehr bei Arbeitsplatten aber dafür zum Beispiel bei Heft-, Buch- und Kalenderumschlägen, Lampenschirmen, Bettbezügen, Schneidebrettern und vielen anderen Artikeln. Das Unternehmen Sassabrassa aus Östergotland hat sich die Lizenz zur Verwendung des Musters gesichert.

Das einstige Stammwerk in Perstorp, Skåne existiert auch heute noch, das Unternehmen gehört mittlerweile zum franzöischen Risikokapitalisten PAI.

In Perstorp selbst gibt es ein Museum mit dem Namen „Plastens hus“, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, alltägliche Küchenutensilien aus Plastik zu sammeln. Hier geht es zur Homepage des Museums.

Auf Flohmärkten (Loppis) – nicht nur in Skåne – werden immer wieder die verschiedensten Produkte aus der Serie angeboten. Wer also heute noch auf der Suche nach dem Design der 1950er und 1960er Jahre ist, wird mit großer Sicherheit während eines Schwedenurlaubs fündig.

Für Urlauber die sich im nördlichen Skåne aufhalten, lohnt ein Besuch ebenso wie für diejenigen die am Weg nach Småland oder Richtung Stockholm unterwegs sind. Hier ist der Link zur Karte bei Google Maps: https://goo.gl/maps/PwjeK


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s