5 Villen in Falsterbo – Eine kleine Architekturgeschichte

Schon vor hundert Jahren galt das an der südschwedischen Küste gelegene Falsterbo als ein exklusiver Badeort. Hier verbrachte die königliche Familie ihre jährlichen Sommerferien. In den 1920er Jahren hielt mit den Ferienhäusern des Wiener Architekten Josef Frank die Moderne Einzug.

In dieser Zeit setzte eine neue Phase der Bebauung ein. Diese ist an den zweigeschossigen Sommerhäusern erkennbar, die sich deutlich von den einfachen, zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert stammenden Fachwerkbauten der Fischer unterscheiden.

1924 entwarf der Wiener Architekt Josef Frank ein Sommerhaus für den Diplomaten Axel Claëson und seine Frau Sighild, das 1927 fertiggestellt werden konnte. Die Presse lobte es damals als das erste funktionalistische Haus in Schweden. Im gleichen Jahr baute Frank bereits an einem weiteren Feriendomizil: Der Bankdirektor Allan Carlsten hatte sich ein kleines Haus gewünscht und bekam ein auf das absolute Minimum des Wohnens reduziertes Gebäude. Mit diesem stellte Frank nicht zuletzt seine Fähigkeiten hinsichtlich einer stringent durchdachten Raumkonzeption unter Beweis.

Insgesamt realisierte Frank fünf Sommerhäuser sowie einen Atelieranbau für den Schriftsteller Anders Österling in Falsterbo. Meist kamen die Aufträge von Verwandten und Bekannten seiner schwedischen Frau Anna Sebenius, mit der Frank seit 1912 verheiratet war. Im Jahr 1936 entstand hier sein letztes Ferienhaus für den Stockholmer Industriellen Walter Wehtje. Es ist zugleich sein letztes realisiertes Werk, denn nach seiner Emigration 1933 nach Schweden – vorher hatte er sich jeweils nur besuchsweise im Land aufgehalten – arbeitete Frank bis zu seinem Tod 1967 vorwiegend an Stoffmusterentwürfen für die Stockholmer Einrichtungsfirma Svenskt Tenn sowie an phantasievollen Hausentwürfen, die nicht umgesetzt wurden.

Schon kurze Zeit nach seiner Fertigstellung wurde das Haus Claëson nur noch sporadisch und schließlich gar nicht mehr bewohnt. Wie ein gestrandetes Schiff lag es in seinem überwucherten Garten. Vor knapp zehn Jahren haben aber die Enkel des Bauherrn begonnen, es instand zu setzen. Von der Regionalregierung in Vellinge wird es, wie auch die anderen Bauten Franks, als erhaltenswert eingestuft. Im Zuge einer Verschärfung der Denkmalschutzverordnung im Jahr 1989 dürfen im Aussenbau keine Veränderungen vorgenommen werden, und alle sonstigen Eingriffe müssen von der Behörde einzeln genehmigt werden. Dies macht eine Grundsanierung ebenso unmöglich wie eine winterfeste Isolierung, denn die Häuser sind nur für den Sommeraufenthalt ausgelegt.

Ganz anders steht es um das Haus Carlsten. Der neue Besitzer hat es vor einigen Jahren im Aussenbau originalgetreu wieder herstellen lassen. Der helle pfirsichfarbene Anstrich geht ebenso auf Franks Entwurf zurück wie die Möbel im Inneren, die erhalten geblieben sind und wieder an ihrem ursprünglichen Ort stehen.

Solche Begeisterung wurde dem Haus Wehtje nicht zuteil. Ende der siebziger Jahre ersetzte man dort den terrakottafarbenen Putz durch eine Verkleidung mit Holz imitierenden Aluminiumpaneelen, die hellgrau gefasst sind. Unter den heute wesentlich strengeren Denkmalschutzauflagen wäre auch die damals vorgenommene Isolierung nicht mehr möglich. Das Haus hat viel von seinem einst plastischen Charakter verloren. Nur der markante, in leichtem Schwung nach oben verjüngte Kamin aus roten Ziegeln und ein großes kreisrundes Fenster, das den Vorraum belichtet und heute halb versteckt hinter einem Garagenanbau liegt, zeugen noch von der ursprünglichen Außenerscheinung.

Nachfolgende Villen wurden von Josef Frank in Falsterbo realiseirt:

Villa Claesson 1927

Villa Carlsten 1927

Villa Seth 1934

Villa Låftman 1934

Villa Wehtje 1936

jf14

Kurzbiographie Josef Franks:
Josef Frank (1885–1967) studierte 1903–1908 an der Technischen Hochschule Wien und gründete 1913 mit Oskar Wlach und Oskar Strnad ein gemeinsames Architekturbüro. Ab 1919 war er als Architekt des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen tätig, 1921–1926 hatte er zudem eine Professur an der Kunstgewerbeschule inne. 1925 gründete er mit Wlach das Einrichtungshaus „Haus & Garten“, und zwei Jahre später zeichnete er als einziger österreichischer Architekt für ein Haus in der Stuttgarter Werkbundsiedlung verantwortlich. Der Mitbegründer des Österreichischen Werkbundes und spätere Initiator und künstlerische Leiter der Werkbundsiedlung emigrierte bereits im Jahr 1934 nach Schweden. Der Mitbegründer der Internationalen Kongresse Moderner Architektur (CIAM) zählt zu den wichtigsten Protagonisten der sogenannten „Zweiten Wiener Moderne“.

Über die Werkbundsiedlung Wien. http://www.werkbundsiedlung-wien.at/

Über die Weissenhofsiedlung Stuttgart: https://www.swr.de/archiv/regionen/rundgang-durch-die-stuttgarter-weissenhofsiedlung/-/id=6758680/did=1653842/nid=6758680/p8d4t2/index.html

Über Svenskt tenn: http://www.svenskttenn.se/sv-se/default.aspx

Falsterbo in Google Maps.

Bildnachweis: Skeppsholmen Fastighetsmäkleri


Ein Gedanke zu “5 Villen in Falsterbo – Eine kleine Architekturgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s