Unterwegs im südlichen Tornedalen

Ende April Anfang Mai eines jeden Jahres fängt es in der bis dahin kompakten Eisdecke des Flusses Torne (Torneälv) zu Knirschen und Krachen an. Im Laufe der folgenden ein bis zwei Wochen lösen sich Eisschollen und der Fluss, der einige Monate als Landverbindung zwischen Finnland und Schweden gedient hat, kommt wieder zum Vorschein. Bis zum nächsten Winter ist es nun vorbei mit dem Eisangeln, Schlittschuhlaufen und Motorscootersafaris auf dem Torneälv. Der Eisbruch im Fluss hat sich mittlerweile zu einem Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen entwickelt. Etliche Neugierige verbringen ganze Tage auf den Brücken, die den Fluss überspannen oder an dessen Ufern um sich dieses Naturschauspiel nicht entgehen zu lassen. In dem angefügten, knapp zweiminütigen Video von Urpo Taskinen bekommt man einen guten Eindruck mit welcher Kraft der Fluss sich um diese Jahreszeit von seiner Eisdecke befreit. Das Video wurde in der Nähe von Juoksengi am Polarkreis aufgenommen. https://www.youtube.com/watch?v=lD9LtfwCBsU

1156819_520_293

Seit im Jahr 1809 die Gebiete östlich des Flusses Russland zugeschlagen worden sind,  wurde der Torneälv südlich von Pajala zum Grenzfluss. Zuerst bildete er eine Grenze zu Russland und später zum unabhängigen Finnland. Während des Zweiten Weltkriegs kam es im Herbst 1944 zum sogenannten Lapplandkrieg. Um die Zivilbevölkerung zu schützen, wurden knapp hunderttausend der hundertvierzigtausend Bewohner der Region evakuiert. Knapp 50000 der Evakuierten flüchteten sich ins neutrale Schweden.

187

Wie in so vielen anderen Regionen Europas und der Welt, blockieren politisch gezogene Grenzen erst seit wenigen Jahrhunderten den Austausch und die Verbindung zwischen den Regionen. Die ersten modernen Einwanderer, die sich dauerhaft in diesem Flusstal niederließen und damit begannen Ackerbau zu betreiben, kamen vor rund eintausend Jahren aus Gebieten im heutigen Finnland hierher. Davor durchwanderten fast ausschließlich Sami mit ihren Rentierherden das fruchtbare Tal. Die ältesten Nachweise vom Aufenthalt der Menschen in der Region wurden ungefähr 12 km entfernt vom Fluss gefunden. Dort stießen Archäologen auf eine in etwa 5500 Jahre alte steinzeitliche Besiedelung. Saivaaras stenåldersby ist heute ein besuchbares Museum mit den Rekonstruktionen der steinzeitlichen Hütten.

muinaismuistotsaivaarar250FS-wpcf_300x168

Im Laufe der Jahrhunderte bildete sich in den Ortschaften auf beiden Seiten des Flusses eine eigene Sprachvariation, die früher unter dem Namen Tornedalsfinnisch bekannt war. Vielen LeserInnen ist diese Sprache durch Mikael Niemis satirisch-humoristischen Roman „Populärmusik från Vittula“ und dessen Verfilmung bekannt, in dem diese Sprache eine große Rolle spielt.

f81615193f9614fc3c4453137e9e47f84365c6c4
Quelle: http://www.minoritet.se

Der finnische Schriftsteller Bengt Pohjanen hob den Begriff „Meänkieli“ (Unser Land) für die Sprache, die bis dahin mit einem durchaus verächtlichen Unterton außerhalb der Region als Tornedalsfinnisch bekannt war, aus der Taufe. Pohjanen engagierte sich seit bereits vielen Jahren für die Anerkennung von Meänkieli als eigene Sprache und schuf eine Reihe von Romanen und Theaterstücken, die von Meänkieli ins Schwedische und Finnische übersetzt worden sind. Der bekannteste davon heißt Jopparikuninkhaan poika (in Schwedisch: Smugglarkungens son; in Deutsch: Der Sohn des Schmugglerkönigs), ein Roman mit starken autobiographischen Zügen, der die enge Verbundenheit der Menschen in dieser Region humorvoll beschreibt.

239

Seit dem 1. April 2000 ist Meänkieli neben Schwedisch, Finnisch und Samisch die vierte Amtssprache Schwedens. In Finnland hat Meänkieli den Status eines Dialekts.

238

Die Ortschaften entlang des Flusses leiden sowohl in Finnland wie in Schweden unter Problemen die sich zwar lokal deutlich auswirken die aber ein globales Phänomen darstellen. Die Landflucht ist hier ein genauso existenzbedrohendes Problem wie in vielen anderen ländlichen Regionen rund um den Globus. Durch Strukturveränderungen in den lange dominierenden Industriezweigen der Holzindustrie und der Landwirtschaft gingen in den vergangenen Jahren in der Region etliche Arbeitsplätze verloren. Vielen Einwohnern fehlen die Perspektiven, wie sich in den deutlich sinkenden Einwohnerzahlen etlicher Gemeinden ablesen lässt. In Pajala und Haparanda konnten in den letzten Jahren neue Betriebe etabliert werden, was einen gewissen Anlass zur Hoffnung gibt. Der Tourismus als Einnahmequelle spielt eine untergeordnete Rolle. Langsam beginnen die Gemeinden sich zu einer touristischen Region zusammenzuschließen und die herrliche Natur in das Zentrum ihrer Überlegungen zu rücken.

236

Die oben beschriebene Situation bietet den Besuchern dieser Region den Vorteil, dass man außerhalb der Städte und Dörfer für sich allein unterwegs ist und die Wahrscheinlichkeit, dass man auf andere Zeitgenossen trifft, sehr gering ist. Also ideal für Urlauber die auf der Suche nach unberührter Natur sind. Entsprechend vielfältig sind die touristischen Möglichkeiten für Outdoorliebhaber. So bieten sich Wanderungen in den welligen Hügellandschaften rund um den Fluss ebenso an wie weitere Erkundungen der Landschaft dort wo die Wiesen in enorme Waldlandschaften übergehen (wobei hier die Mitnahme von GPS aufgrund der unglaublichen Dimensionen der Wälder unbedingt anzuraten ist).

232

Die Flüsse Lapplands und Nordschwedens stehen bei Kanufahrern hoch im Kurs. Ruhige Abschnitte die für Anfänger geeignet sind, wechseln sich mit Stromschnellen zum Beispiel nördlich von Övertorneå bei Kattilakoski oder in Matkakoski südlich von Hedenäset ab.

316

Wer die Landschaft mit dem Rad erkunden möchte, kann auf der schwedischen Seite entlang der Bundesstraße 99 und auf finnischer Seite auf der E8 leicht erhöht über dem Flußtal dem Torneälv folgen. Auf diesen Routen ergeben sich immer wieder phantastische Ausblicke über das Tal.

325

Um die ökologische Nachhaltigkeit eines Urlaubs in dieser Region nicht außer Acht zu lassen, möchte ich auf den sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehr in der Region hinweisen. Die Busse verbinden die Orte mehrmals täglich miteinander. Viele der Kommunen bieten auch den Service an, dass die Benutzung des Busses innerhalb ihrer Gemeinde kostenlos ist. Dies gilt auch für Touristen.

267

Hinter den Zwillingsstädten Haparanda und Tornio mündet der Torneälv in die Ostsee. Hier befinden sich im Schärengarten der Haparanda skärgårds nationalpark und Bottenvikens nationalpark, beides sind lohnenswerte Ziele für Naturliebhaber.

056

Links:

Övertorneå: https://www.destinationovertornea.com/

Pajala: https://www.visitpajala.se/

Haparanda: https://www.visithaparandatornio.com/en-home/

Tornio: https://www.discoveringfinland.com/finnish-lapland/kemi-tornio/

Tornedalen: https://tornedalen.org/


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s