Klaus Mann – Flucht in den Norden – Eine Spurensuche

Diesesmal mache ich einen Ausflug ins Finnlandschwedische, auf Spurensuche nach den Wurzeln von Klaus Manns Roman „Flucht in den Norden“.

Pekkala liegt auf einer Halbinsel am Ufer des Sees Jäminginselkä, hier ist das Anwesen auf Google-Maps.

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Bildnachweis: Herrenhaus Pekkala, www.pekkalankartano.fi (Hier sind auch weitere Bilder sowie Informationen über Pekkala zu finden, allerdings nur in finnischer Sprache)

Auf einer leichten Anhöhe über dem Ufer des Jäminginselkä-Sees führt eine breite Allee zum Herrenhaus Pekkala, dem Sitz der finnlandschwedischen Adelsfamilie Aminoff – ein schöner Bau im Empirestil, die Säulen in hellem Graublau, die Wände in Rosé abgesetzt. Im Rosengarten zur Rechten hantiert eine energische ältere Frau in kurzen Hosen und einem hellgrünen Marimekko-Pulli mit einer Schere. Streng mustert die Herrin von Pekkala den Ankömmling und ist gleich beim Thema: »Meine Familie hat Klaus Mann mit offenen Armen aufgenommen, meine Großmutter bewunderte Thomas Mann – und dann das!« Die schwere Enttäuschung über den deutschen Gast von 1932 steht ihr ins Gesicht geschrieben. Immer wieder spricht sie von Vertrauensbruch, Verrat, Falschheit. Klaus Manns Roman »Die Flucht in den Norden«, in dem Pekkala als Hauptschauplatz fungiert, ist für sie nichts anderes als »ein hässliches, unangenehmes Bild von allem«.

Klaus Mann war in jenen Julitagen auf der Flucht nach Norden – aber anders als vor ihm Kurt Tucholsky und nach ihm Bertolt Brecht. Wie diese verabscheute er die braunen Horden in ihrer »stumpfsinnig-blutrünstigen Vulgärextase«. Aber ihn treibt auch die heftige Neigung zu dem Gutsbesitzersohn Hans Aminoff nach Finnland. Klaus Manns Nordland-Aufenthalt währte jedoch nur einige Wochen – und geriet weitgehend in Vergessenheit. Ein Grund mehr, auf eine literarische Spurensuche zu gehen.

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Bildnachweis: Klaus Mann, www.literarische.de

Nach dem Reichstagsbrand kehrt Klaus Mann Deutschland endgültig den Rücken, darauf brennend, möglichst schnell mit literarischen Mitteln in den Kampf einzugreifen. Über Nacht entschließt er sich, einen antifaschistischen Exilroman zu schreiben – just mit der Personengalerie des Gutes Pekkala. Eingeweiht in das Buchprojekt, schreibt ihm Vater Thomas: »Ich bin neugierig und freue mich auf das Werk, obgleich ich höre, dass es in Gegenden, wohin der kleine Kai verschlagen wurde, bei Lappen und Finnen, wohl allerlei Weh- und Anklage hervorrufen wird.« Thomas Mann kennt die Auffassung seines Sohnes, »starke Eindrücke der Wirklichkeit mit Erfundenem dichterisch mischen zu dürfen, ohne sich über die menschlichen Gefahren solchen Tuns klar zu sein«. Die Befürchtungen des Vaters sollten sich bewahrheiten: Die Aminoffs verweigern über Jahrzehnte Kontakte mit allen, die sie an jenes Buch erinnern.

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Bildnachweis: Erika Mann, www.veebido.de

Als Klaus Mann und seine Schwester Erika im Juli 1932 in Helsinki ankommen, haben sie nur wenig Muße, Suomis Hauptstadt zu erkunden. Doch vor der Abfahrt nach Pekkala schauen sie in der Akademischen Buchhandlung vorbei – und sind stark beeindruckt. Man finde »kaum ihresgleichen in einer europäischen Hauptstadt«, notiert Klaus Mann in seinem Tagebuch, »die Auslandsabteilung mustergültig«. Die Buchhandlung, für die Suomis Star-Architekt Alvar Aalto ein großzügiges, lichtes Domizil schuf, gehört auch heute noch zu den Anziehungspunkten Helsinkis. »Mit 140 000 Titeln sind wir nach wie vor Nordeuropas größte Buchhandlung, Jahr für Jahr zählen wir drei Millionen Kunden«, umreißt der junge Direktionsassistent Matti Korhonen deren Platz in der finnischen Kultur.

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Bildnachweis: Hans Aminoff, www.pekkalankartano.fi

Am Abend jenes Julitages erreichen Klaus und Erika Mann in ihrem protzigen Ford nach langer Fahrt über Hämenlinna das Herrenhaus Pekkala. »Ich immer bei HANS …« beschreibt Klaus Mann seine Gefühle. Und dann das heftig herbeigesehnte Wiedersehen: »Adonis wiedergefunden«. Der damals 28-jährige Hans Aminoff, dem er im Frühjahr 1932 in Paris zum ersten Mal begegnete, ist die große Liebe seines Lebens.

Die Tage von Pekkala vergehen wie im Fluge. »Der See, in dem wir täglich baden, hat fast schwarze Farbe, und wenn man die Glieder hineintaucht, sehen sie kostbar aus, wie dunkel vergoldet. Manchmal fischen wir Krebse …« Am Abend lange Unterhaltungen. Die Aminoffs, 1618 für Kriegsdienste in den schwedischen Adel aufgenommen und seit 1822 Herren von Pekkala, haben viel zu erzählen. Der Dichter J. L. Runeberg war Hauslehrer auf dem Gut, der Literaturnobelpreisträger F.E. Sillanpää lebte einige Zeit in einem der Aminoff-Häuser. Die Geschwister Mann fühlen sich bestens aufgehoben: »Bei unseren Gastfreunden spricht man fließend fünf oder sechs Sprachen; man liest, was es bei uns, in Paris oder London an Neustem gibt.«

Hinter einem denglisch-babylonischen Sprachgewirr kann man sich wunderbar verstecken, Wissenslücken vertuschen und Kompetenz vorgaukeln.

Nach einigen Tagen reisen die Gäste mit Hans Aminoff durch »die pathetische Öde dieses großen leeren Landes« gen Osten bis Savonlinna. Doch dann nimmt Klaus Mann in dem Städtchen Punkalarju Abschied von seinem Adonis, um mit Schwester Erika zum Nordkap zu brausen. Wenig später eine Hiobsbotschaft aus Finnland: Hans Aminoff heiratet in Stockholm die schwedische Gräfin Sigrid Eva Gabriella Oxenstierna. Klaus Mann ist tief enttäuscht: »Worauf ich mich noch am weitesten eingelassen hatte – Finnland – scheint auch nur wieder Trug und Höllengelächter.« Ende 1933 schreibt er zerknirscht nach Pekkala: »Ja, hätte ich damals in diesem komischen Hotel, wo wir zuletzt zusammen waren, voraus gefühlt oder gewusst – ich wäre nicht so leichtsinnig zum Nord-Cap gefahren, und vieles wäre anders gekommen …«

Die Arbeit an der »Flucht in den Norden« rührt alles wieder auf, auch wenn er den Text »mit großer Leichtigkeit« zu Papier bringt, und bei der Zeichnung der Figuren macht sich’s Klaus Mann wahrlich sehr leicht: Er übernimmt die Personage von Pekkala eins zu eins. Hans heißt nun Ragnar, dessen Schwester Ingrid wird zu Karin, der Bruder Gunnar figuriert als Jens, sogar die beiden Hunde des Gutes halten Einzug in die deutsche Literatur. Die Ausnahme: Er selbst verwandelt sich in die junge deutsche Kommunistin Johanna, die auf der Flucht vor den Nazi-Häschern via Finnland nach Paris gehen will, um dort mit ihren Freunden am Kampf teilzunehmen. Johanna verliebt sich unsterblich in Ragnar – so wird aus Klaus Manns eigener Homo- flugs eine Hetero-Liebesgeschichte. Dabei überzeichnet der Erfolg gewohnte Schriftsteller die Figuren mitunter gnadenlos.

Hans Aminoff ist schockiert, als er vom Amsterdamer Querido-Verlag 1934 »Die Flucht in den Norden« erhält. Vergeblich bat er, das Manuskript zu lesen. Sein Urteil: »Da sind einige Passagen, die ich sehr falsch und boshaft finde – besonders falsch … Ich bin nicht böse – aber ich bin sehr aufgeregt gewesen, beleidigt und enttäuscht.«

Wenige Wochen zuvor ist Klaus Mann im August 1934 auf der Rückreise vom 1. Allunions-Kongress der Sowjetschriftsteller in Moskau noch einmal in Pekkala zu Gast. »Das Wiedersehen mit Ort und Figur, die mein Herz so lang beschäftigt haben«, schreibt er seiner Mutter, »ist wehmütig bei aller Freude … Die Ehefrau hier ist auch nicht zu beneiden, dabei ist sie wahrscheinlich ganz nett. Das Baby ist sehr klein und freundlich – zwei Monate alt …«

Wie sich bald herausstellt, ist die resolute Rosengärtnerin just jene Tochter von Hans Aminoff, die Klaus Mann damals sah. Nach einigem Zögern stimmt sie einem kurzen Besuch des Literaturreisenden auf Pekkala zu. Doch der Groll sitzt tief, und so bleibt mir das Herrenhaus verschlossen – samt der Gemälde, die die Mitglieder der Familie Mitte der 1930er Jahre darstellen. Und – die Herrin von Pekkala möchte auf keinen Fall mit ihrem Namen erwähnt werden; nach einigem Hin und Her einigen wir uns, dass ich sie »die Tochter« nennen darf.

Doch das Gespräch unter den mächtigen Alleebäumen wird allmählich entspannter. Die »Tochter« erzählt, Vater Hans Aminoff habe bis zu seinem Tod 1968 nie über seine Zeit mit Klaus Mann gesprochen. Auch nicht darüber, dass der einstige Pekkala-Gast nicht vollends aus seinem Leben verschwunden war. Wie der finnische Literaturwissenschaftler Otto Lappalainen herausfand, sah Klaus Mann Aminoff 1937 auf einer Europareise wieder – an der Seite des Tänzers Michael Logan, zu dem er einmal selbst eine intensive Beziehung hatte. Noch größer der Schock, als er im Februar 1938 einen Brief von Logan just aus Pekkala erhielt: »Denke an die seltsamen Spiele, Verschlingungen, Überschneidungen des Lebens. Etwa: die Situation jetzt in Pekkala. Hans und Michael – die sich so intensiv gefunden zu haben scheinen. Beiden bin ich so nah gewesen; Beiden wohl nicht nah genug …«

Die politischen Differenzen in der Familie Aminoff, so die »Tochter«, habe Klaus Mann im Großen und Ganzen real beschrieben. Ihr Onkel sei tatsächlich nationalistisch gewesen, »wenn auch nicht so wie Mann schilderte, er musste wohl übertreiben, um meinem Vater, der immer liberal war, etwas entgegenzusetzen«. Liberal, das heißt auch antifaschistisch. In einem Brief vom Frühjahr 1933 freut sich Hans Aminoff, dass Klaus Mann »aus dem deutschen Irrenhaus« entkam. »Das sieht wohl wirklich übel aus da – und was für ein Monstrum wird wohl diese Hitlerianische Schwangerschaft der Mutter Germania producieren.« Aminoff abonniert dann auch Klaus Manns antifaschistische Zeitschrift »Die Sammlung«.

Die Herrin von Pekkala bleibt dabei: Klaus Manns »Flucht nach Norden« sei »keine besonders gute Literatur«. Deshalb wundert sie sich, dass das Buch – nach den BRD- und DDR-Ausgaben von 1977 bzw.1981 – alsbald ins Finnische übertragen und vom Helsinkier Lilla Teatern dramatisiert wurde. Für den Übersetzer Klaus Karttunen, den ich an der Universität Helsinki aufspüre, war dies freilich nicht verwunderlich. Der Otava-Verlag, Suomis größtes Buchhaus, wollte an den großen Erfolg von Klaus Manns »Mephisto« anknüpfen. Karttunen erinnert sich, das Buch habe seinerzeit »ziemlich gute Kritiken« erhalten, erlebte jedoch keine zweite Auflage. Kontakt zu den Aminoffs hatte er nicht – was die »Tochter« sogleich bestätigt.

Die schwedischsprachige Theaterfassung der Regisseurin Vivica Bandler hatte 1984 Premiere. Das Stück brachte es auf 39 Vorstellungen. Das Helsinkier »Hufvudstadsbladet« lobte Klaus Manns politisches Engagement und charakterisierte das Stück als »sardonische Schilderung einer finnlandschwedischen Familie auf deren Gutshof«. Jeder wusste, wer gemeint war – die »Tochter« schüttelt den Kopf, Vivica Bandler hat sie ansonsten sehr geschätzt. Die Verfilmung des Buches von 1986 unter dem Titel »Flucht in die Freiheit« mit Katharina Thalbach als Johanna erregte weit weniger Aufsehen.

Die Herrin von Pekkala schaut jetzt ruhig und scheinbar erleichtert über das ausgedehnte Anwesen, endlich konnte sie sich einmal ihren Zorn von der Seele reden – doch wohl nicht für immer. Überraschend vergleicht sie plötzlich »Die Flucht in den Norden« mit dem norwegischen Titel »Der Buchhändler von Kabul«. Darin hatte die Journalistin Asne Seierstad ohne Zustimmung der Betroffenen viele intime Details veröffentlicht – worauf der Kabuler Buchhändler nach Skandinavien reiste und Frau Seierstad auf Pressekonferenzen heftig anklagte. »Doch wir konnten uns nicht wehren«, sagt Hans Aminoffs Tochter, »und wir wollten das auch nicht.«


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