Buchtipp: Knausgård – Das autobiographische Projekt in 6 Bänden

Eigentlich stammt Karl Ove Knausgård aus Norwegen und ich habe mich in meinem Blog „Auf alles über Schweden“ beschränkt. Allerdings lebt Knausgård seit längerem in Skåne und ist mit der schwedischen Lyrikerin Linda Boström verheiratet. Ob das für Knausgård ausreichende Gründe wären, die Aufname in einen Blog über Schweden zu akzeptieren? Vermutlich nicht. Aber ich möchte auf diesen Buchtipp trotzdem nicht verzichten.

Mittlerweile sind 5 der 6 Bände in einer deutschen Übersetzung erschienen (Stand: 3.1.2016).

Warum soll man Details über das Leben eines unbekannten Norwegers lesen, der mit seinem Vater ein Problem hatte, als Kind wegen seiner Badekappe gehänselt wurde und sich im Familienalltag des 21. Jahrhunderts aufreibt? Die kurze Antwort lautet: Weil man nicht anders kann. Knausgårds Sprache ist von einer solchen Kraft und Schönheit, dass man weiterliest, selbst wenn man eigentlich schon genug hat; und wenn man ihn wütend weglegen will, merkt man, dass man süchtig ist.

Jetzt sitzt er vor mir. Langes Haar, unrasiert, intensive Augen. Er sieht aus wie ein Rockstar. Wir gehen zu seinem alten VW-Bus. Wir waren bereits vor vier Monaten verabredet gewesen, aber er hatte das Treffen in letzter Minute abgesagt, weil seine Frau, die schwedische Lyrikerin Linda Boström, in die Psychiatrie eingeliefert worden war (Anmerkung: Das Paar hat sich getrennt und ist mittlerweile geschieden). Zwei Wochen später sagte er alle öffentlichen Auftritte ab und ließ ausrichten, dass er keine Interviews mehr gebe. Nie mehr. Nach sechs Wochen erhielt ich eine E-Mail, in der er knapp erklärte: „Ich schulde dir noch das Interview.“

Der größte lebende skandinavische Schriftsteller, dessen Frau nach der Lektüre seines Werks in einer geschlossenen Anstalt liegt, der sich in seinem Schreiben so ausgekotzt hat, dass er leer ist und nicht mehr reden mag, sitzt neben mir im Auto – und ich weiß auch nicht mehr so recht, was ich sagen soll. Denn was fragt man jemanden, der auf 4.000 Seiten schon alles, wirklich alles über sich preisgegeben hat? Ich bekomme plötzlich Angst, den Problemen, die er herumschleppt, nicht gewachsen zu sein. Also schweigen wir uns an.

Nach fünfzehn Minuten Fahrt biegt Knausgård ab und parkt vor einem Einfamilienhaus mit angrenzender Scheune. Durch die Tür dringt Geschrei, und als wir sie öffnen, stehen drei Kinder vor uns. Vanja, Heidi, John. Obwohl ich die drei noch nie gesehen habe, erkenne ich sie sofort. Vanja, das kluge Lieblingskind des Vaters, Heidi, die eigenwillige Muttertochter, John, das Nesthäkchen. Aus der Küche kommt die Schwiegermutter, von der Knausgård behauptet, sie sei Alkoholikerin (Band 2), und die wiederum Knausgård vorwirft, er sei schuld an den bipolaren Anfällen ihrer Tochter (Band 2 und 6). Das Haus zu betreten, heißt Min Kamp zu betreten. Denn das ist das Extreme an den Büchern: Die zehnjährige Vanja ist keine Romanfigur. Sie ist Vanja. Knausgårds Frau Linda ist keine Romanfigur, sie ist Linda. Die Schwiegermutter hat wirklich verdächtig gerötete Wangen. Und sie hat gelesen, was ihr Schwiegersohn über sie geschrieben hat.

Die schwedischsprachigen Übersetzungen aus dem Norwegischen sind im Pocketförlaget erschienen.

Wer an den schwedischsprachigen E-Books interessiert ist, findet diese z.B. bei Bokus.

Bei btb wurden die deutschsprachigen Ausgaben publiziert.


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