Henrik & Chiara – Eine schwedisch-italienische Liebesgeschichte in Fortsetzungen (6)

Er hatte also fast eine lebenslange Beziehung zu Italien, als er kurz nach Mittsommer vor einem Jahr, das erste Mal nach Genua kam. Eigentlich wollten er und Elin sich die Stadt, das Hinterland und die Cinque Terre ansehen. Jetzt war er alleine hier und überlegte, bei einem Abendessen hoch über der Stadt, in einem Lokal mit dem Namen Montallegro, das man bevorzugterweise mit einer sechs Kilometer langen Standseilbahn aus der Innenstadt erreichte, was er mit den Plänen, die sie noch zu zweit geschmiedet hatten, anfangen sollte. Der Tisch auf der offenen überdachten Veranda, an dem er saß, war für zwei Personen gedeckt und stand direkt am Geländer, sodass man einen unvergleichlichen Ausblick über den Golf von Genua hatte. Das Lokal hatten sie im Internet entdeckt und den Tisch per Mail reserviert. Hier wollten sie ihren ersten Abend in diesem Urlaub verbringen. Bei einem romantischen Essen, einer Flasche Rotwein und einem Sonnenuntergang, den sie fotografieren würden, um die Erinnerung daran auch Jahre später noch abrufen zu können.

Es war also anders gekommen, und obwohl er alleine hier saß, bat er die Bedienung das zweite Gedeck nicht wegzuräumen. Auch wenn ihn Elins Abgang und die Suche nach dem Warum ihres Weggehens tief deprimiert hatte, sein Appetit war zumindest im Laufe dieses Tages wiedergekommen. Den ganzen Tag überlegte er schon, was er wohl essen sollte. Er war sich sicher, dass Italien einen positiven Einfluss auf seine Stimmung haben würde. Tatsächlich konnte er das erste Mal seit der Trennung an etwas anderes als Elin denken. Im konkreten Fall handelte sich um Spaghetti mit einem Pesto alla genovese, die er als Referenz an die Stadt in der er sich befand, als ersten Gang zu sich nehmen würde. Bei der Hauptspeise entschied er sich für eine Suppe aus frischen Fischen und Meeresfrüchten aus dem Golf, in einem Tomatensud mit Spinatblättern und einer Focaccia, die zum Tunken des Tomatensuds verwendet wird. Den Abend wollte er mit Genovesi, das sind Kekse, respektive Miniküchlein mit einer Zitronen-Vanillepuddingcreme Füllung, und einem Cafè beschließen. Dazu bestellte er sich eine Flasche Rossese, einen Rotwein aus der Küstenregion Liguriens. Die Flasche Rotwein würde ihm dabei helfen sein Leben wieder zu ordnen und den Blick langsam aber sicher wieder nach vorne zu richten.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Gang nahm am Nebentisch eine attraktive Frau Platz, die er ähnlich alt, wie er selbst es war, schätzte. Sie bedeutete dem Kellner, dass sie mit dem Bestellen warten würde, bis ihr Freund eintraf. Henrik versuchte, sie nicht zu auffällig zu taxieren. In seinem Berufsleben hatte er noch nie jemanden aus Fleisch und Blut beschattet. Trotzdem war er Spezialist in diesem Bereich. Aber eben auf einer virtuellen Ebene. Sobald sie das Einverständnis der Staatsanwaltschaft hatten, klinkten sie sich regelmäßig in die EDV-Systeme von Verdächtigen ein, ohne dass diese davon etwas bemerkten. Sie kopierten ganze Festplatten auf ihre Rechner, um sich die Inhalte in Ruhe ganz genau ansehen zu können. Jeder Tastenanschlag und jeder Mausklick wurde von ihnen registriert. Er wusste, wie man jemanden beobachtet, ohne dass man auffällt. Aber eben nur in einer virtuellen Welt.

Allerdings war die Frau am Nebentisch ohnehin viel zu beschäftigt, um auf Henrik aufmerksam zu werden. Obwohl sie seit mehr als zehn Jahren in der Stadt lebte, war es das erste Mal, das sie in dieses Restaurant kam. Der Ausblick auf die Hafenanlagen von Genua und den Golf faszinierte sie. Dadurch bemerkte sie nicht wie sie von dem Mann am Nebentisch analytisch von den Füßen, die in gut geschnittenen und vermutlich gemütlichen Ballerinas steckten, bis zu ihrer Frisur gescannt wurde. In der Zeit mit Elin hatte er dafür kein Auge. Treu sein hieß für ihn auch andere Frauen nicht aus diesem Blickwinkel zu betrachten, wie er es jetzt gerade tat. Er war Schwede, also per se ein Feminist, der Frauen nicht auf ihr Äußeres reduziert und für den es keine Rolle spielt, wie jemand gekleidet ist oder aussieht. In seinem Beruf als Polizeibeamter repräsentierte er das Königreich Schweden. Es war seine Pflicht, einen unvoreingenommenen Blick auf sein Gegenüber, genauso wie auf Sachverhalte zu haben. Er durfte nur die Fakten sprechen lassen und musste vorurteilsfrei sein. Eine Frau als Objekt der Begierde widersprach allen Regeln.

Vielleicht war er zu streng mit sich selbst. Das Leben bestand nicht nur aus Schwarz und Weiß, sondern aus vielen Farben und Schattierungen. Sich das einzugestehen fiel ihm schwer. Die Bits und Bytes, die ganzen Nullen und Einsen, die klar strukturierten Programmiersprachen und die Definition seines Berufsbildes: Wir hier die Guten, dort die Bösen, färbte manchmal zu stark auf sein Weltbild ab. Natürlich war es Teil seines Charakters, so zu denken. Andererseits war es das genaue Gegenteil, das ihn Jahr für Jahr, immer wieder nach Italien trieb. Das politisch unkorrekte, das Chaotische, die unklaren Abgrenzungen, die Leichtigkeit mit der Ungewissheit der Welt zu leben, das faszinierte ihn doch. Ob er in diesem Land auf Dauer leben könnte? Diese Frage hatte nicht nur er sich schon des Öfteren gestellt. Auch Freunde und Kollegen, die ihn besser kannten und von seiner Leidenschaft wussten, hatten ihn dies immer wieder gefragt.

Sie war mindestens einhundertfünfundsiebzig Zentimeter groß. Obwohl sie saß und die Beine übereinandergeschlagen hatte, war er sich sicher, dass sie mindestens so groß war oder noch größer. Sie war schlank aber nicht dünn. Ihren Unterschenkeln nach trieb sie entweder Sport oder hatte einen Beruf, in dem man sich viel bewegte. Sie war nicht übertrainiert, also definitiv kein Fitnessstudiofreak. Oder wenn doch, dann trainierte sie sehr dosiert, um nicht zu viele Muskeln aufzubauen. Der Rundausschnitt ihres Kleides ließ einen dezenten Blick auf ihre Brüste zu. Der Ausschnitt war nicht zu tief aber auch nicht zu hoch geschlossen. Die schulterlangen kastanienfarbenen Haare trug sie offen. Es war vermutlich ihr natürlicher Farbton. Jedenfalls passten sie gut zu ihren braunen Augen und dem Teint ihrer Haut. Sie trug weder Ringe noch anderen Schmuck. Sie wirkte durch sich selbst. Zusätzlicher Schmuck war nicht nötig, der hätte den Blick auf sie verstellt. Sie war dezent geschminkt. Im Gespräch mit dem Kellner trat sie selbstbewusst, freundlich und verbindlich auf. Sie war den Umgang mit Menschen gewohnt. Vermutlich war sie in einer Führungsposition tätig. Als leitende Angestellte. Oder sie war selbstständig.

Gerade als er anfing sich auszumalen, wie ihr Freund aussehen könnte, servierte man ihm den Hauptgang. Der Kellner füllte sein Weinglas nach und fragte die Frau am Nebentisch, ob er ein Glas Prosecco bringen dürfe, um die Wartezeit zu verschönern. Sie lächelte und stimmte zu. Henrik genoss die Suppe mit den regionalen Meeresfischen, Garnelen, Muscheln und anderem Meeresgetier, als er am Nebentisch ein lautes Oh no hörte, samt dem Scheppern eines Smartphones, das in das Gedeck gekracht war. Die Frau am Nebentisch ließ ihren Kopf in ihre Hände sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Von den Nebentischen blickte sich niemand zu ihr um. Es war nur Henrik aufgefallen. Oder bildete er sich die Szene gerade ein. Er hatte zwar Liebeskummer und war gerade gegen seinen Willen versetzt worden, aber er halluzinierte nicht. Da war er sich sicher. Er schaute sich auf der Terrasse noch einmal genau um. Kein Mensch würdigte die Frau im roten Kleid und den kastanienfarbenen Haaren eines Blickes. Selbst der Kellner, der mit dem avisierten Prosecco zurück an ihren Tisch kam, wirkte weder besorgt noch fragte er, wie es ihr ginge. Henrik war verwirrt. Er unterbrach seine Mahlzeit, was ihm nicht leicht fiel. Er stand auf, ging die wenigen Schritte zum Nebentisch und sagte: Entschuldigen Sie Signorina, aber geht es ihnen nicht gut? Brauchen Sie Hilfe? Kann ich etwas für Sie tun? Maria sah ihn mit großen Augen an. Der große, blonde Mann vom Nebentisch stand plötzlich vor ihr. Er war sicher nicht der einzige im Lokal der ihren Seufzer bemerkt hatte, allerdings war er der einzige der alleine hier war. Alle anderen Männer hätten sich nur zu gerne angeboten der Signorina zu helfen, aber dann hätten ihre weiblichen Begleitungen ihnen die Augen ausgekratzt oder zumindest irgendeine Art von Szene gemacht.

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