Lyckliga gatan von Liza Marklund

Das ist also der vorletzte Band mit Annika Bengtzon in der Hauptrolle den Liza Marklund geschrieben hat. So steht es auf der Rückseite der schwedischen Ausgabe. Für alle Liebhaber/innen der Erlebnisse der Journalistin die für das Boulevardblatt „Kvällspressen“ arbeitet, ist das mit Sicherheit keine gute Nachricht.  Vor allem, da die aktuelle Ausgabe „Lyckliga gatan“ sicher eines der besten und geglücktesten Bücher in der mittlerweile zehnteiligen Serie ist.

In dieser Ausgabe wird niemand aus Annikas Familie bedroht oder entführt. Dies gilt auch für sie selbst. Es steht diesesmal wieder die eigentliche Story im Vordergrund. Ihr Privatleben verläuft in ungewöhnlich ruhigen Bahnen – zumindest wenn man etliche der vorhergehenden Bände als Maßstab nimmt.

Zwei Dinge haben die Krimis von Liza Marklund für mich immer besonders ausgezeichnet. Dabei handelt es sich einerseits um die Beschreibung des Arbeitsmilieus von Annika Bengtzon und andererseits waren ihre Geschichten immer sehr gut recherchiert und damit auch glaubwürdig.

Mit Liza Marklunds Beschreibungen kann man den Niedergang bzw. die Veränderung innerhalb der Zeitungslandschaft in den vergangenen fünfzehn Jahren sehr gut nachvollziehen. Während in ihrem Erstling aus dem Jahr 1998 „Olympisches Feuer“ (Sprängaren) alles noch auf die Deadline der Printausgabe ausgerichtet war, haben sich langsam aber unaufhörlich die Zeiten geändert. Mittlerweile müssen Zeitungsredakteur/innen nicht nur journalistische Artikel verfassen können, sie sind auch ihre eigenen Kameraleute, die die gerade aufgenommenen Bilder oder Filmclips für die Online-Ausgabe ihrer Zeitung schneiden, moderieren und in Echtzeit bereitstellen müssen. Die meisten werden ihrer Festanstellung beraubt und arbeiten notgedrungen als Freelancer. Wer ein wenig Einblick in die Medienlandschaft hat wird feststellen, dass Liza Marklund hier eine ziemlich exakte Schilderung der tatsächlichen Zustände in dieser Branche gelingt. Unabhängig davon ob sich die Zeitungsredaktion in Schweden oder in Deutschland befindet.

Der andere Punkt, die Genauigkeit in den Recherchen führt bis zum Beginn der Reihe zurück. Über die unklaren Vergabekriterien, die Korruption innerhalb des Olympischen Komitees oder die Bevorzugung guter Freunde war bereits in „Olympisches Feuer“ zu lesen. In „Studio Sex“ öffnete sie für die Leser/innen die Tür zur Welt der Sexclubs und deren Verbindung zur großen Politik sowie der zwielichtigen Rolle die von den Massenmedien in diesem Zusammenhang gespielt wird. „Paradiset“ beleuchtet ein ständiges Thema in den Büchern von Liza Marklund. Gewalt gegen Frauen und was der Staat dagegen unternimmt – oder auch nicht unternimmt. Teil ihrer Gesellschaftskritik ist der leichtfertige Umgang der schwedischen Politik (und sicher nicht nur der schwedischen) mit diesem Thema. Im Vorgänger zur aktuellen Ausgabe, im Buch „Du gamla, du fria“ (deutscher Titel: „Weißer Tod“ – Erscheinungstermin 13.9.2014) zeigt sie in einer Nebenstory auf, wie öffentlich über Gesetze die zum Schutz von misshandelten Frauen dienen sollen diskutiert wird, es aber nie zu einer Verabschiedung dieser Gesetze kommt, oder falls doch, wie die Umsetzung – von meist männlichen Staatsanwälten oder Richtern – torpediert wird.

Das die Geschichten in die Annika Bengtzon involviert wird, immer wieder einmal „Sprengkraft“ im wörtlichen Sinn besitzen, liegt wohl am Genre des Krimis. Manchmal, so wie in „Olympisches Feuer“ sind sie integraler Teil der Story. Bei anderen Gelegenheiten, wie in „Nobels testamente“, als Annikas Villa im Stockholmer Stadtteil Djursholm explodiert oder wie im Buch „Du gamla, du fria“ (dt. „Weißer Tod“) als fast am Ende der Story noch eine amerikanische Lenkwaffe zum Einsatz kommt, ist das für mich ein wenig zu viel Action. Vor allem wenn es die eigentliche Geschichte nicht vorwärts bringt. Dann hat das ein bisschen etwas von „Alarm für Cobra 11“ und deren Motto: Alles was explodieren kann, explodiert!

In „Lyckliga gatan“ explodiert übrigens nichts. Dafür taucht eine Protagonistin aus einem früheren Buch wieder auf. Es handelt sich um die junge Polizistin Nina Hoffman, die im Band „Livstid“ (dt: „Lebenslänglich“) in die Ermittlungen involviert war. Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass Liza Marklund ihre Journalistin Annika Bengtzon ins Privatleben entlässt, dies aber nicht unbedingt das Ende der eigenen Krimikarriere bedeutet. Die Intensität mit der Marklund den Charakter der jungen Polizistin zeichnet und den Raum den sie ihr im Buch gewährt, deuten für mich auf eine neue Hauptdarstellerin hin. Aber das ist jetzt nur eine Vermutung von mir. In diesem Fall heißt es abwarten – und gegebenfalls lesen – wie es weitergeht.

Die geschilderten Morde in „Lyckliga gatan“ sind bestialisch. Aber auch hier gilt wieder, die Methoden sind von Liza Marklund bestens recherchiert. Wer sich schon einmal mit dem Thema Folter auseinander setzen musste, wird die beschriebenen Methoden als leider nur zu realistisch wiedererkennen.

Die Auflösung des Falls ist eine für einen konventionellen Krimi wirklich ungewöhnliche. Damit hat mich die Autorin überrascht. Und diese Art von Überraschungen liebe ich!

Liza Marklund – Lyckliga gatan
ISBN 9789164204295
Piratförlaget
Storpocket

Die schwedische Pocketausgabe erschien am 17.9.2014 im Pocketförlaget mit der ISBN 9789175790336.

Im März 2015 war das Erscheinungstermin der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Jagd“.

 

 


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