Populärmusik från Vittula von Mikael Niemi

Vor kurzem habe ich einen Artikel mit dem Titel „Unterwegs im südlichen Tornedalen“ gebloggt. Dazu passend möchte ich an ein Buch erinnern, dass diese Region über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt gemacht hat. Mikael Niemis Roman „Populärmusik från Vittula“, der im Jahr 2000 in der schwedischen Originalausgabe im Norstedts Verlag publiziert worden ist.

Pajala in den 1960er Jahren ist ein langweiliger Ort in einer langweiligen Gegend Schwedens, dem Tornedal. Hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Die Einheimischen reden Schwedisch oder Finnisch bzw. ein Kauderwelsch, das nur die Bewohner dieser Region verstehen. In Pajala arbeiten die Menschen hart und auch die im Tornedal verbreitete religiöse Bewegung des Laestadianismus macht mit ihrer übertriebenen Strenge und Lustfeindlichkeit das Leben nicht unbedingt angenehmer. Wenn da nicht der Alkohol wäre, die ständige Versuchung, die auch in Pajala, das sich dem über Finnland nach Russland verlaufenden “Wodka-Gürtel” zugehörig fühlt, locken würde.

In diesem Umfeld wachsen Matti und sein nicht sonderlich redseliger Freund Niila auf. Und das mitten in den wilden 60ern, von denen man im äußersten Norden Schwedens logischerweise wenig mitbekommt – bis zu dem Tag, an dem Niilas Großmutter beerdigt wird und seine beiden Cousins aus Amerika mit einer Beatles-Single als Gastgeschenk für Niila anreisen. Die beiden Jungs sind völlig aus dem Häuschen und gründen kurzerhand selbst eine Band. Im Keller von Mattis Eltern zimmern sie sich aus Sperrholz so etwas wie eine Gitarre zusammen und träumen fortan ihren Traum vom Leben als Rock-Star!

Niemi erzählt einzelne Episoden aus Mattis Kinder- und Jugendzeit in Pajala, bzw. dem im Volksmund Vittulajänkka (zu deutsch in etwa: “Fotzenmoor”) genannten Ortsteil von Pajala. Das hat er so gut gemacht, dass er von seinem Werk in Schweden über 1 Million Exemplare verkauft und den bedeutendsten Literaturpreis des Landes eingeheimst hat. Niemis Roman hat so eine skurrile, charmante, warmherzige und kauzige Art, dass man sich dem Charme der Geschichte kaum entziehen kann.

Begeistern kann Niemi dabei schon gleich im Prolog mit seinem etwas schrägen Humor, der auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder durchschimmert. Er setzt gekonnte Pointen, die so witzig sind und vor Einfallsreichtum strotzen, dass den Leser immer wieder das Lachen oder Schmunzeln überkommt. “Populärmusik aus Vittula” ist dabei gar kein durch und durch komischer Roman, sondern eher tragikkomisch. Niemi kann trotz seiner amüsanten Erzählweise auch sehr ernst sein, wenn er das Leben der Menschen in Pajala schildert, so dass einem manchmal das Lachen im Halse steckenbleibt.

Die Geschichten, die Niemi aus Mattis Kindheit erzählt, drehen sich dabei einerseits um Land und Leute, andererseits um Musik und die Zeit der Pubertät. Der Leser beobachtet, wie Matti und Niila langsam erwachsen werden. Beide erscheinen dabei eher als Antihelden. Ihre spielerischen ersten Versuche, eine Band zu gründen, ihr erster Auftritt vor der versammelten Klasse, der noch als Playback abläuft, all das wirkt peinlich aber mutig. Grundsätzlich scheint ihr musikalisches Interesse ohnehin in einem unvereinbaren Widerspruch zum Lebenswandel der Tornedalbewohner zu stehen. Hier kommt es vor allem darauf an, als Mann körperliche Arbeit zu leisten, wen interessiert da schon dieses mädchenhafte Rumgehüpfe?

Was die beiden in den folgenden Jahren erleben, ist durchaus schon einen Roman wert, der einerseits locker-flockig skurrile Geschichten mit viel Witz erzählt, andererseits aber auch einige düstere und tragische Momente enthält. Niemi bewegt sich oft auf einem sehr schmalen Grat zwischen Tragik und Komik. Sein Humor bekommt dadurch eine schwarzhumorige Note, und tragische Momente verlieren trotz der leichtfüßigen Erzählart nichts von ihrer Dramatik.

Vereinzelt hat Niemi einen Hang zum Surrealen. Einzelne Kapitel spielen mehr in der Phantasie als in der Realität und mögen im ersten Moment nicht so recht in das Buch passen. Schlägt man es dann am Ende zu, kann man aber dennoch sehr zufrieden sein. Es ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild, in das auch Niemis scheinbar verrückte Phantastereien wieder ganz gut hineinpassen.

Hier ist der Link zur schwedischen Originalausgabe: http://www.norstedts.se/bocker/utgiven/2000/Okand-saljperiod/niemi_mikael-popularmusik_fran_vittula-inbunden/

Und hier zur deutschen Übersetzung: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Populaermusik-aus-Vittula-Roman/Mikael-Niemi/e282091.rhd

Das schwedischsprachige E-book ist hier zu finden: https://www.adlibris.com/mondo/e-bok/popularmusik-fran-vittula-9789172970007

2004 wurde der Roman verfilmt. Hier gehts zum Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=7d0UMCoCpWE

Das ist der Link zu meinem Artikel „Unterwegs im südlichen Tornedalen“: https://alltomsverige.wordpress.com/2014/04/28/unterwegs-im-sudlichen-tornedalen/


2 Gedanken zu “Populärmusik från Vittula von Mikael Niemi

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