Gustavs grabb von Leif GW Persson

Wenn im schwedischen Fernsehen über Kriminalität diskutiert wird, dann ist er fast immer dabei: Leif GW Persson. Seine Markeinzeichen sind sein grauer Haarschopf, ein kariertes Flanellhemd, eine Jägerweste, seine schlampige, manchmal kaum verständliche Aussprache und seine kurzen prägnanten Aussagen.

Leif GW Persson ist wohl Schwedens bedeutenster und erfolgreichster Kriminologe, neudeutsch Profiler und einer der erfolgreichsten Krimiautoren des Landes.

Seine Kindheit verbringt er, als eines von wenigen Kindern aus einer Arbeiterfamilie, im Stockholmer Stadtteil Gärdet, in dem vor allem Familien von Beamten und Angestellten wohnen. Hier beginnt, inititiert durch seinen Vater, sein Weg durch die schwedische Gesellschaft, seine „Klassresa“. Als fünfjähriger wurde er eingeschult, um am Ende seiner Ausbildung Ingenieur zu werden. Einem krisenfesten und angesehenen Beruf, wie sein Vater meinte. Schließlich wird klar, dass sich der Wunsch des Vaters, sein Sohn solle Ingenieur werden, nicht erfüllen wird. Die Neugier, und das Interesse an der Beobachtung anderer und deren Geheimnissen, wird immer größer und eines Tages erscheint es dem jungen GW klar, dass sein Berufswunsch ein ganz anderer ist.

Wie aus dem Titel bereits hervorgeht, war sein Vater, der als Arbeiter am Bau der Stockholmer U-Bahn beteiligt war, die treibende Kraft in Leif´s Leben. Das Verhältnis zur hypochondrischen Mutter verschlechtert sich offensichtlich von Jahr zu Jahr. Der Druck der von ihr durch eingebildete Krankheiten auf die Familie ausgeübt wird, führt schließlich zum endgültigen Bruch zwischen ihr und ihrem Sohn. Ebenso offen beschreibt er das Scheitern seiner ersten zwei Ehen und als Vater.

Diese aufrichtigen und schonungslosen Schilderungen sind es, die dieses Buch so interessant machen. Auch später als es um seinen enormen Alkoholkonsum geht, beschönigt er nichts. Man hat nie das Gefühl er würde übertreiben aber ebenso wenig etwas weglassen oder verheimlichen. Er geht mich sich hart ins Gericht, ebenso wie mit anderen.

Seine Erzählungen kulminieren in der sogenannten „Geijeraffären“ (benannt nach dem ehemaligen schwedischen Justizmininster Lennart Geijer, dem in der Presse vorgeworfen wurde, in einem Bordell wiederholt Sex mit minderjährigen Mädchen gehabt zu haben, wobei die Quelle von den Medien – eben Leif GW Persson – öffentlich gemacht wurde, siehe dazu auch auf Wikipedia: http://sv.wikipedia.org/wiki/Geijeraff%C3%A4ren). Er schreibt wie er am Höhepunkt seiner Verzweiflung über seine Aufdeckung in sein Jagdhaus gefahren ist, sein Gewehr geladen hat und den Gewehrlauf in den Mund gesteckt hat – und glücklicherweise nicht abgedrückt hat.

Sein sozialer Aufstieg, seine „Klassresa“ scheint ihn selbst immer wieder zu irritieren. Die Frage nach seiner Identität und seiner Herkunft stellt er immer wieder, um schlußendlich doch nur Deutungsversuche liefern zu können. Ob er heute mit 68 Jahren am Ziel angekommen ist? Schwer zu sagen, nach der Lektüre des Buches zu schließen, eher nicht. Es warten immer noch ungeklärte Mordfälle, die gelöst werden müssen. Und die nächste Fernsehserie zu diesem Thema war wohl schon während der Arbeiten an diesem Buch in Planung (Historiska brott, SVT).

Gustavs grabb ist bei Bonnier als Taschenbuch im schwedischen Original erhältlich (ISBN 9789174292824). Die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Der Professor“ liegt in gebundener Fassung im btb-Verlag vor (ISBN 978-3-442-75382-6).

Seit kurzem ist auch die Fernsehserie „En pilgrims död“ mit Rolf Lassgård und Helena af Sandeberg in den Hauptrollen auf DVD / Blue Ray im schwedischsprachigen Original verfügbar. Die Geschichte dreht sich um die Ermittlungen nach der Ermordung von Olof Palme und basiert auf Leif GW Perssons Triologie „Välfärdsstatens fall“ (Mellan sommarens längtan och vinterns köld En annan tid, ett annat liv Faller fritt som i en dröm). Ebenfalls sehr empfehlenswert. Sowohl die Bücher als auch die Verfilmung.


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